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Liebe Gemeinde,

ich fahre mit dem Fahrrad durch einen schattigen Buchenwald an der Ostseeküste. Das Licht flimmert zwischen den Blättern, die Luft riecht nach Sommer und Meer. Plötzlich lichtet sich der Wald - und ich stehe am Steilufer. Eine Bank lädt zum Verweilen ein.
Was für ein Ausblick! Vor mir liegt das Meer in tiefem Blau. Am Horizont ziehen Schiffe ruhig ihre Bahn. Darüber spannt sich ein weiter Himmel, hell und klar, mit ein paar weißen Wolken. Ein Moment zum Staunen. Ich kann mich kaum sattsehen.
Zwei Urlauberinnen halten neben mir. Auch sie sind beeindruckt, doch nur für einen Augenblick. Schon zücken sie ihre Handys, machen Fotos, tippen rasch etwas ins Display. Vielleicht geht das Bild gleich weiter: „Grüße von der Ostsee, tolle Ausblicke hier!“ Dann steigen sie wieder auf und fahren davon.
Ich bleibe zurück und denke mir: Sie haben ihre Bilder gespeichert, können sie jederzeit wieder anschauen. Ich habe nur das Bild in meinem Kopf. Und doch, wer von uns hat diesen Moment wirklich gesehen? Die vielen Blautöne des Wassers, das Leuchten des Himmels, die Weite, die ruhig macht? Waren sie ganz hier, an diesem Ort, in diesem Augenblick?
Es ist so leicht geworden, festzuhalten statt wahrzunehmen. Ein Griff zum Handy, ein Klick - und schon ist der Moment gespeichert. Wir fotografieren Landschaften, uns selbst, einander. Wir teilen, posten, senden. Und dabei geschieht etwas leise und fast unbemerkt: Wir entfernen uns von dem, was gerade ist.
Wir sehen den Sonnenuntergang - und denken schon daran, wem wir das Bild schicken.
Wir sitzen am Strand - und unsere Augen wandern über Nachrichten auf dem Display.
Wir sind im Café - und unsere Aufmerksamkeit gehört nicht dem Gegenüber, sondern dem Bildschirm.
Immer öfter sind wir an mehreren Orten zugleich - und immer seltener ganz da, wo wir wirklich sind.
Ob uns das guttut?
Jesus stellt einmal eine unbequeme Frage: „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und doch Schaden nimmt an seiner Seele?“ Heute könnte man vielleicht sagen: Was nützt es uns, wenn wir ständig vernetzt sind und doch den Kontakt zu uns selbst verlieren? Wenn wir überall dabei sind – nur nicht ganz im eigenen Leben?
Vielleicht liegt genau darin eine Aufgabe für uns, gerade im Sommer: neu zu lernen, gegenwärtig zu sein. Mit allen Sinnen. Den Augenblick nicht nur festzuhalten, sondern ihn wirklich zu erleben. Zu sehen, zu hören, zu spüren, was ist. Bei uns selbst zu sein und bei den Menschen, die gerade an unserer Seite sind. Es könnte unserer Seele guttun.

Pfarrerin Maria Ramsch 

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