Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind. (Koh 4,6)
Liebe Gemeinde!
So rief sie mir zu: „Ist es nicht eine Unverschämtheit, eine bodenlose Frechheit? Eine Dreistigkeit!“ Ihre Fäuste ballen sich in der Tasche ihrer Strickjacke zusammen. Jahrelang hatte sie sich in der Kirchgemeinde engagiert, vieles war möglich geworden und nun das. So funktioniert das doch nie und nimmer. Wie soll das nur weitergehen? Selbst über einen Austritt hat sie schon nachgedacht: Sollen die da oben doch sehen, was sie davon haben. Ihre Fäuste füllten sich mit den Mühen der letzten Jahre. Bisher waren diese Mühen ihr leicht vorgekommen, waren ihr selbst wichtig gewesen. Doch nun war alles anders.
Das neues Video auf TikTok hatte ihm den Durchbruch bringen sollen. Endlich sollten die Likes die anvisierte Marke durchbrechen. Dann hätte er es geschafft. Diesmal hatte er extra viel investiert, hatte den witzigen Dreh noch mit der KI aufgehübscht. Doch dann blieb es ein Flop. Was sollte er denn noch tun, damit er sich mehr gemocht fühlt durch Likes und coole Kommentare. Er jagte dieser Beliebtheit hinterher, als wäre er dem Wind auf der Spur – es war ein Haschen nach Wind.
Alltägliche Mühen und manches Haschen nach Wind – das begegnet uns immer wieder. Wir jagen Besitz, Status und eigenen Ideen nach und ächzen auch unter selbstgewählten Mühen. Mit geballten Fäusten halten wir daran fest und ziehen die Stirn in Falten.
Wie aus einer anderen Welt klingen da die Worte des Predigers: „Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.“ Selbst wenn wir darin einen Rat für den Glauben sehen, liegt uns so manche Aktion näher – eine Hand voll mit Ruhe – ist das nicht vertane Zeit? So mochte es wohl auch Alexis Sorbas gegangen sein – wie es in dem gleichnamigen Roman erzählt wird –, als er an einem Morgen auf einem Baum eine Schmetterlingspuppe entdeckt hatte. Der Schmetterling hatte gerade die Hülle gesprengt und versuchte, herauszuschlüpfen. Er wartete lange, wurde bald ungeduldig, denn er hatte es eilig. Er hauchte den Schmetterling an, und tatsächlich, das Wunder begann sich vor seinen Augen schneller zu entfalten. Die Hülle öffnete sich ganz, der Schmetterling kroch heraus. Aber nie hat er das Entsetzen vergessen: die Flügel des jungen Schmetterlings waren noch gekrümmt und zerknittert. Der kleine Körper zitterte und versuchte sie aufzuspannen, aber es war unmöglich. Wieder versuchte er, mit seinem Atem zu helfen, doch umsonst. Ein allmähliches Reifen war nötig, die Flügel hätten sich langsam in der Sonne entfalten müssen, jetzt war es zu spät. Der Atem hatte den Schmetterling gezwungen, zu früh auszukriechen. Das Tier zappelte verzweifelt und starb nach einigen Sekunden. Erst später hat er begriffen, dass wir Menschen die
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